14.12.2005
Münster-Geist: Die autofreie Weißenburgsiedlung

von Susanne Stallmann*

Die autofreie Wohnsiedlung Weißenburg in Münster liegt im Stadtteil "Geist" in der Nähe des Stadtzentrums Münsters. Es sind ungefähr 3 km bis zum Stadtzentrum, das man natürlich mit dem Fahrrad, aber auch durch etliche Buslinien von hier aus gut erreichen kann.
Die Siedlung wurde in mehreren Abschnitten bebaut und bezogen. Derzeit leben hier ca. 130 Haushalte. Der erste Bezug der neugebauten Wohnungen durch ca. 70 Haushalte fand im Zeitraum Oktober bis Dezember 2001 statt; der zweite Bauabschnitt mit wiederum ca. 70 Haushalten war in Monaten April bis Juni 2003 bezugsfertig geworden.

Die Bebauung des dritten Bauabschnittes (die Flächen der ursprünglich geplanten Eigentumsmaßnahmen) steht bislang aus, weil die Eigentumsmaßnahmen sich als nicht marktfähig erwiesen hatten, war einerseits der Grundstückspreis sehr hoch, andererseits hatten die vorhandenen potentiellen Eigentümer eine (lebenslange) Verpflichtung, ohne Auto zu leben, nicht eingehen wollen. Und so gibt es bislang mehrere Brachflächen in der Siedlung.

Wohnungsstruktur
Die ca. 130 Wohnungen sind alle öffentlich gefördert, d.h. sogenannte "Sozialwohnungen".
Der bisherige Baubestand besteht aus sechs Gebäudeblöcken mit insg. 15 Mehrfamilienhäusern und einen Block mit zehn Mietreihenhäusern. Integriert in die Struktur der Mehrfamilienhausblöcke des ersten Bauabschnittes sind noch vier Maisonettwohnungen.

Die Mehrfamilienhausblöcke wiederum setzen sich aus 2 bis 3 Häusern mit jeweils 8 Wohnungen zusammen. Ein Teil der Häuser verfügt über Aufzüge, alle anderen Häuser sind mit Aufzügen nachrüstbar.

Von 1 bis 5 Zimmern sind in den Wohnblöcken alle "gängigen" Wohnungsgrößen vorhanden. Es gibt vier speziell ausgewiesene und mit besonderen Einrichtungen versehene Wohnungen für Menschen mit Körperbehinderungen. Alle Wohnungen sind grundsätzlich nach einer bestimmten DIN barrierefrei gebaut worden, d.h. es sind zum Beispiel bodengleiche Duschen vorhanden.

Alle Wohnungen verfügen über Loggia / Balkon oder Terrasse mit kleinem Garten.
Die Mietreihenhäuser umfassen 5 Zimmer und sind für Familienhaushalte mit mindestens drei Kindern vorgesehen.

Struktur der hier lebenden Haushalte
Die Haushaltestruktur in unserer Siedlung ist sehr durchmischt.
Entsprechend den gesetzlichen Bestimmungen dürfen Sozialwohnungen je nach Größe nur an entsprechend große Haushalte bzw. Wohngemeinschaften vermietet werden. Das heißt, daß in unserer Siedlung 1- bis 6-Personen-Haushalte leben, die entsprechend in den für sie vorgesehenen Wohnungsgrößen wohnen.

Es leben in unserer Siedlung Familien, Alleinstehende, Paare ohne Kinder, Alleinerziehende, ältere Menschen, Menschen mit körperlichen und/oder geistiger Behinderungen, deutsche sowie ausländische Menschen.

Wer lebt in einem Quartier ohne Auto
Da es sich hierbei um Sozialwohnungen handelt, für deren Bezug man bestimmte Einkommensgrenzen nicht überschreiten darf, sind nicht alle Haushalte aus Überzeugung in diese Siedlung gezogen.
Besonders deutlich ist das, wenn man die beiden fertig gestellten Bauabschnitte betrachtet: Es gibt in den Wohnungen des ersten Bauabschnitts deutlich mehr Haushalte, die ganz bewußt und aus Überzeugung hierher gezogen sind. Das hat den Grund vor allem darin, daß im Vorlauf des Wohnprojektes eine intensive Begleitung der Bewohnerfindung durch die WohnBundBeratung NRW seitens des Landes finanziert wurde. Hier wurden vorab Kennenlern-Veranstaltungen durchgeführt und in kleinen Arbeitsgruppen zu bestimmten Themen gearbeitet. Den damaligen Interessenten für diese Wohnungen konnten aufgrund ihrer damaligen Einkommenssituation sofort schon einen Wohnberechtigungsschein (WBS) beantragen, der sogar dann noch gültig sein sollte, wenn zum Zeitpunkt des Einzugs das Einkommen höher liegen sollte.

Für den zweiten Bauabschnitt fanden nur "abgespeckt" derartige Kennenlern-Veranstaltungen statt. Viele Haushalte, die hier leben, sind mehr oder weniger von den städtischen Behörden hierhin vermittelt worden, das heißt, sie besitzen z.T. schon aufgrund ihrer Sozialhilfe-Bezüge kein Auto. Dementsprechend ist hier auch seltener eine eine Identifikation mit dem Wert "autofrei leben" vorhanden.

Viele der heutigen BewohnerInnen (und nicht nur diejenigen, die aufgrund ihrer Sozialhilfebezüge kein Auto besitzen konnten) besaßen vor dem Bezug ihrer Wohnung in der autofreien Siedlung schon kein Auto. Es gibt aber auch einige, die ganz bewußt ihr Auto abgeschafft haben.

Die meisten Haushalte, die hier leben, nutzen das Fahrrad für ihre alltäglichen Besorgungen. Überall sieht man Fahrradanhänger zum Transport der Einkäufe. Andere, vor allem die älteren Personen, gehen zu Fuß einkaufen, oder nutzen die Busse, um ins Stadtzentrum zu gelangen.
Direkt am Rande der Siedlung gelegen, stehen vier Autos der Stadtteilauto CarSharing Münster GmbH, für dessen Nutzung die BewohnerInnen der Siedlung besondere Konditionen erhalten haben. Auch diese Autos werden natürlich genutzt, braucht man ja doch mal motorisierte Transportmöglichkeiten.

Welche Vorteile gibt es, in dieser Siedlung zu leben

Die meisten Vorteile ergeben sich natürlich aus dem Aspekt, eine autofreie Wohnumgebung zu haben: die Kinder können gefahrlos draußen spielen, die Autoabgase ziehen nicht direkt in die Wohnung hinein, es ist ruhiger (wenn man mal vom Baulärm der angrenzenden Baumaßnahmen absieht).

Es fällt jedoch auf, daß nicht nur die Kinder draußen herumtollen können, sondern daß auch viele Erwachsene sich draußen aufhalten. Es kommt zum Plausch untereinander, vor allem auch, weil es viele kleinere und einen großen Stadtteil-Spielplatz mit den entsprechenden Sitzgelegenheiten gibt.  Es ist einfach streßfreier, hier zu leben!

Der BewohnerInnen-Verein
Viele Möglichkeiten, anders nachbarschaftlich zusammen zu wohnen, bietet - neben der autofreien und damit gefahrloseren Umgebung - auch der Nachbarschafts-Treffpunkt, das "Geistreich".
Von dem BewohnerInnen-Verein wurde, finanziert durch die Mitgliedsbeiträge, eine 3-Zimmer-Wohnung angemietet, die zentral in der Siedlung liegt. Dieser Treffpunkt ist so eingerichtet worden, daß es sich optimal für ein Nachbarschafts-Café (2x pro Woche), aber auch zur Anmietung für (Familien-)Feierlichkeiten eignet. Darüber hinaus werden die Räumlichkeiten von Spielgruppen angemietet.

Im Keller wurde eine Fahrradwerkstatt eingerichtet, die unter Anleitung von zwei versierten, hobbymäßigen "Fahrradschraubern" von allen SiedlungsbewohnerInnen zu bestimmten Zeiten genutzt werden kann.

Das "Geistreich" ist über das Jahr hinweg Ausgangspunkt verschiedenster Veranstaltungen: Osterfeuer, Sommer-Siedlungsflohmarkt, Lambertus-Singen, St. Martins-Umzüge, Adventscafé, etc.

All das beruht auf ehrenamtlichem Engagement bestimmter SiedlungsbewohnerInnen.

Das Projekt "autofrei leben" kann meiner Ansicht nach dann gelingen, wenn ein entsprechendes Quartier relativ zentral im Stadtgebiet gelegen ist, das eingebunden ist in eine entsprechende Infrastruktur: vor allem gute und genügend Einkaufsmöglichkeiten und gute Busanbindungen.

Baulich sollten die Gebäude und die Wohnumgebung auf die besonderen Bedarfe der BewohnerInnen zugeschnitten sein, vor allem, was ihre besondere Mobilität mit dem Fahrrad angeht (Stichworte: auch für Fahrradanhänger gut zugängliche Fahrradkeller; ausreichende und gut strukturierte, eventuell überdachte Abstellmöglichkeiten für Fahrräder im Außenbereich; Carsharing-Möglichkeiten in der Nähe des Quartiers).

Was den Aspekt "anders zusammen leben" angeht, so ist das doch sehr von den BewohnerInnen selber abhängig. Es gibt immer wieder Menschen, die nur die Vorteile leben wollen, selber sich aber nicht entsprechend verhalten ...

Wenn keine Einflussnahme auf die Vermietung der Wohnungen besteht, so KANN das Zusammenleben der Bewohnerschaft zum Teil auch sehr schwierig werden.

Weitere Informationen:
www.weissenburgsiedlung.de
 
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*Susanne Stallmann ist Bewohnerin der autofreien Siedlung Weißenburg in Münster seit Bezugsfertigkeit im Oktober 2001.