Menschen geraten in Bewegung
Thesen zur Diskussion um das Selbstverständnis von autofrei leben! e.V.

Beschlossen von der Mitgliederversammlung von autofrei leben! e.V. - die Initiative der Autofreien am 16. September 2001 in Frankfurt/Main

1. Wer wir sind und was wir wollen

1.1. Millionen leben ohne Auto

Die negativen Folgen des Automobilismus sind hinreichend bekannt.

Weniger bekannt ist, dass Besitz und Nutzung eines Autos für viele Menschen nicht selbstverständlich sind. Es ruft immer wieder Erstaunen hervor, auch bei Autofreien selbst, dass fast ein Viertel aller Haushalte in Westdeutschland ohne Auto leben, in Städten über einer halben Million Einwohnern sogar 40 Prozent1. Auch wenn sie das aus sehr unterschiedlichen Gründen tun, so beweisen doch Millionen Menschen jeden Tag aufs Neue, dass es auch ohne Auto geht, ja dass man ohne Auto oft besser leben kann als mit. Diese Menschen, die vom öffentlichen Bewusstsein kaum wahrgenommen werden, leisten nicht nur einen wichtigen Beitrag zum Schutz von Mensch und Natur. Sie sind auch eine stille Herausforderung an eine Gesellschaft, die uneingestanden um die Folgen ihrer Automobilität weiß.

1.2. Ausstieg und Widerstand - wir wollen besser leben

Zu autofrei leben! kommen unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Gründen. Die einen fordern aus dem Gefühl der Verantwortung für Mensch und Natur persönliche Konsequenzen für sich selbst und andere ein. Andere "verzichten" als Genussmenschen liebend gern auf die Unannehmlichkeiten der Autonutzung. Wieder andere fühlen sich vom Auto schlichtweg terrorisiert, leben prinzipiell konsumkritisch oder sind obendrein noch kluge Rechner. Die einen sind irgendwann einmal ausgestiegen, für die anderen war das Leben ohne Auto einfach schon immer die phantasievollere, gesündere, interessantere Art zu leben.

Ob nun dieses oder jenes oder ob mehreres davon auf uns zutrifft: Gemeinsam ist uns, dass wir mit der gängigen Vorstellung von "Lebensstandard" gebrochen und ganz andere Vorstellungen von Lebensqualität entwickelt haben. Wir erliegen nicht der Faszination des herrschenden Begriffs von "Mobilität", sondern sehen dahinter die wahnhafte Raserei und sinnentleerte Hektik einer Sucht-Gesellschaft, die einem inhaltslosen Wachstums-, Arbeits- und Konsumfetischismus verfallen ist.

Dem entgegen setzen wir beispielsweise die Lust an der Langsamkeit, den Spaß an der Eigen-Bewegung als dem Gegenteil von Auto-Mobilismus und die Freude an einem Leben in größerer Übereinstimmung mit Mensch und Natur. Indem wir solche von der automobilen Gesellschaft als wertlos und hinderlich betrachteten Räume zurückerobern und uns wieder aneignen, beginnen wir damit, nicht nur für uns selbst ein besseres Leben zu realisieren.

Mit der Abkehr vom allgemeinen Konsum- und Mobilitätsverhalten machen wir gleichzeitig unseren Alltag zur Demonstration gegen die zerstörerische Entwicklung der angeblichen "Zivilisation".

1.3. Für eine Welt, in der Menschen anders (miteinander) verkehren

Wir wollen in Städten und Dörfern leben, die für die Menschen und nicht für die Autos gemacht sind. Wo die Straßen wieder zum Lebensraum und zur Stätte der Begegnung werden. Wo alternative, umweltverträgliche und sanfte Verkehrsmittel benutzt werden. Wo die Wege kurz sind, wo Produktion und Verteilung dezentral organisiert sind und wo Erholung und Entspannung auch in der Nähe möglich sind.

Wir beginnen, unseren Traum zu leben: Eine Welt, in der die Menschen nicht mehr rasen - nicht aufeinander drauf, nicht aneinander vorbei und nicht voreinander weg. Eine Welt, in der die Menschen Zeit haben - füreinander, für sich selbst und für die Natur, deren bewusster Teil sie sind und sein wollen. Eine Welt, in der die Menschen nicht mehr durch das Hamsterrad von Wirtschaftswachstum und Geldvermehrung gehetzt werden. Eine Welt, in der nach menschlichem Maß gewirtschaftet wird und in der die Menschen auch im übertragenen Sinn ganz anders miteinander verkehren.

1.4. Anders leben, anders einmischen

Wir mischen uns auf neue Art in Gesellschaft und Politik ein. Wir wehren uns nicht nur, wir leben auch im Alltag vor, dass es anders geht - indem wir an einem zentralen und sensiblen Punkt dieser Gesellschaft einfach "nicht mehr mitmachen".

"Inaktive" gibt es bei uns keine, denn wer bewusst ohne Auto lebt, ist bereits aktiv. Wort und Tat gehen zwangsläufig zusammen. Das unterscheidet unser Selbstverständnis von klassischen Politikvorstellungen. Deswegen setzen wir unsere Hoffnungen auch weniger auf Staat und Politik als vielmehr auf die Fähigkeit und den Willen von immer mehr Menschen, aus unmenschlichen Zuständen auszusteigen und sich ihnen zu widersetzen.

Wir haben einfach damit angefangen und wollen andere mitziehen. Wir wissen, dass unser persönlicher Ausstieg alleine nicht ausreicht, um die Gesellschaft dauerhaft und wirksam zu verändern. Deswegen sind für uns der Ausstieg aus dem Auto-Wahn und die breite Entwicklung von Widerstand dagegen zwei Seiten derselben Medaille.

autofrei leben! orientiert auf die Eigenaktivität der Menschen. Wir selbst glauben nicht daran, dass es "die da oben" schon richten werden. Wir wollen erreichen, dass sich immer mehr Menschen aus ihrer Apathie lösen und ihre eigene Kraft in gemeinsamen Aktionen erleben können. Mit praktischen Beispielen wollen wir zu phantasievollen und gewaltfreien Aktionen anregen, auch zu solchen des zivilen Ungehorsams.

2. Was wir werden können und was wir tun wollen

2.1. Leben gegen den Strom - begleitet von viel Sympathien

autofrei leben! provoziert einerseits zwangsläufig ungläubige, kopfschüttelnde und aggressive Reaktionen der automobilen Sucht-Gesellschaft.

Andererseits treffen wir mit unserer Art zu leben und mit unserem bewussten Nicht-Verstecken auf einen beachtlichen gesellschaftlichen Resonanzboden. Wir rühren an eine weitverbreitete und tiefsitzende, teils bewusste, teils halb- und unbewusste Unzufriedenheit sehr vieler Menschen mit der herrschenden Lebensweise. Denn manche wissen es, viele ahnen es und sehr viele spüren es wenigstens hin und wieder : Ihre von der Gesellschaft für "normal" erklärte Lebensweise ist meilenweit von ihren eigentlichen Bedürfnissen entfernt. Entsprechend gibt es "konzentrische Kreise der Sympathie" für autofrei leben!.

Einige warten eigentlich nur darauf bzw. haben selber schon daran gedacht, eine Initiative der Autofreien ins Leben zu rufen. Das einzige Problem: Sie und wir wissen noch nichts voneinander.

Andere leben ebenfalls bewusst autofrei, kamen aber seither noch gar nicht auf die Idee, dies als "etwas Besonderes" herauszustellen, weil sie ihre Art zu leben als "unsensationell" und "unpolitisch" betrachten. Viele dieser Menschen begründen ihre Autofreiheit u.a. auch mit ihrer Sorge um die Umwelt und mit ihrer persönlichen Glaubwürdigkeit. Erfahren sie von autofrei leben!, so ist uns in aller Regel großes Interesse und Sympathie, z.T. auch die Bereitschaft zum Mitmachen sicher.

Es gibt viele Abstufungen von Ansprechbarkeit und Sympathie für autofrei leben!: Von denen, die fast ganz ohne Auto leben und nur, weil sie zweimal im Jahr eines in Anspruch nehmen, Hemmungen davor haben, sich als Autofreie zu bezeichnen - bis zu jenen, die zwar tagtäglich das Auto benutzen, aber dabei unter ihrer inneren Zerrissenheit leiden, weil sie ganz genau wissen, dass ihr Verhalten in krassem Widerspruch zu ihren eigentlichen Überzeugungen und Einsichten steht.

2.2. "autofrei leben!" kann und will eine starke Kraft werden

Es gibt ein großes Potential an möglichen MitstreiterInnen für autofrei leben!. Wir wollen es organisatorisch bestmöglich ausschöpfen. Wir wollen vor Ort, regional und überregional zu einer bekannten und ernst zu nehmenden Kraft werden. Wir wollen immer mehr Menschen zum Ausstieg aus dem automobilen Wahn und immer mehr Autofreie zum Widerstand gegen die "totale Mobil-Machung" motivieren. So wollen wir wichtige Beiträge zur Entwicklung einer gesellschaftlichen Anti-Auto-Bewegung leisten und diese ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken.

2.3. Das A und O: Aktiv vor Ort

autofrei leben! will dort präsent sein, wo die Menschen sind. Vor Ort spielt das Leben. Hier wollen wir uns einen Namen machen und praktische Erfahrungen sammeln, hier können sich neue Widerstandsformen entwickeln, hier können wir am besten lernen, in gesellschaftliche Auseinandersetzungen einzugreifen und nicht zuletzt hier können neue Menschen zu uns stoßen. autofrei leben! konzentriert sich deshalb auf den Aufbau aktiver Orts- und Regionalgruppen.

2.4. Die Auto-Ideologie unterminieren - vor Ort und überregional

autofrei leben! hält das Wirken von Umweltverbänden für notwendig und steht nicht in Konkurrenz zu ihnen.

autofrei leben! will hörbar und qualifiziert in den gesellschaftlichen Diskurs über grundlegende Fragen des Automobilismus eingreifen. Damit wollen wir Beiträge zur Unterminierung der herrschenden Auto-Ideologie leisten - mit dem Ziel, letztlich ihre Meinungsführerschaft zu brechen.

  • Was hilft, die Vereinzelung autofreier Menschen zu überwinden und ihr Selbstbewusstsein zu stärken?
  • Wie gelangen autofreie Menschen und autofreie Themen in die Offensive?
  • Wie gelingt es, ein gesellschaftliches Klima der Ächtung des Automobils zu schaffen?

Entlang dieser Fragen gestaltet sich die Tätigkeit von autofrei leben! - vor Ort und überregional.

1Statistisches Bundesamt, 1998, Zahlen für Westdeutschland.
Ebenfalls kaum bekannt: berechnet man Kinder ab drei Jahren ein, so besitzen 40%  aller Verkehrsteilnehmer keinen Führerschein. Vgl. DIW-Wochenbericht 37/1996,S.616; Statistisches Jahrbuch 1996, S. 63

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