Die Konferenz autofreier Bürgerinnen und Bürger
Bonn, 06. Juni 1998

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Der Hintergrund der Konferenz in Bonn 1998

Eine Pattsituation: Viele Mitbürger erkennen wohl die ökologische Herausforderung, beklagen aber, daß die politischen Entscheidungsträger nicht energisch genug handeln. Diese aber - zum Buhlen um Wählerstimmen verdammt - können kaum anders, als sich dem Druck des täglichen Volksentscheides an der Tanksäule zu beugen, selbst wenn ihnen das Ausmaß der Gefährdung unserer Lebensgrundlagen klar vor Augen steht. Diese gegenseitige Verantwortungszuweisung lähmt unsere Gesellschaft in einer Situation, die klares Handeln fordert.

Eine zweite Pattsituation: Entweder man zieht aus dem oben geschilderten Dilemma den Schluß, daß demokratische Strukturen nicht geeignet sind, auf die ökologische Herausforderung mit ausreichender Entschiedenheit zu reagieren und reduziert die plebiszitären Elemente unserer Gesellschaftsordnung. Oder man ergibt sich in kokettem Zynismus der Vorstellung, daß der Mensch als darwinistischer Fehlversuch für das Ökosystem Erde nicht tragbar sei und sich daher ohnehin in absehbarer Zeit mindestens selbst ausrotten werde ("Ratten und Ameisen werden schon irgendwie weitermachen"). Beide Pattsituationen verkeilen sich an der Vorstellung vom Bürger als gefräßigem Riesenbaby, das einen Höllenlärm macht, wenn es sein Breichen nicht jederzeit und in beliebiger Menge bekommt. Es scheint aber, als habe uns die Aufklärung gründlich aus der bequemen Lage des gefütterten, aber der Verantwortung enthobenen Untertanen entlassen. Der mündige autofreie Bürger tritt in eine klar erkennbare Vorleistung. Er gibt seiner Regierung ein deutliches Signal von Besitzstandsflexibilität und öffnet ihr damit Handlungsspielraum. Dabei spielt die Anzahl der Autofreien zunächst keine Rolle. Ausschlaggebend ist die Entschiedenheit einiger, im richtigen Moment das Notwendige zu tun.

Die etwas unmoderne Einladung zu freiwilliger Beschränkung wendet sich nicht in erster Linie an Mitbürger, die befürchten, im Leben zu kurz zu kommen, sondern an solche, die den Verdacht nicht loswerden, daß wir in Deutschland weit über unsere Verhältnisse und über die Verhältnisse unseres Planeten leben. Es scheint fast, als bedürfe es in unserem Teil der Welt keiner Entscheidung, um mit 25 Jahren im Besitz eines PKW zu sein, sofern dem keine finanziellen oder augenoptischen Gründe entgegenstehen. Sehr wohl scheint es hingegen eine bewußte Entscheidung zu sein, von seiner Anschaffung abzusehen.Es gibt ein Leben jenseits des Autos. Vereinfachend wäre es jedoch zu verkünden, daß mit dem Verzicht auf einen eigenen PKW ausschließlich ein Gewinn an Lebensqualität zu erwarten sei. Wer autofrei lebt, weiß, daß neben den vielen bekannten Vorteilen auch einige Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen sind. Wer aber die Lösung ökologischer Probleme nicht ausschließlich von technischen Neuerungen erwartet, sondern im Lebensstil und Konsumverhalten des Einzelnen ein erhebliches Veränderungspotential sieht, landet früher oder später bei der Frage nach der Grundhaltung unserer Zivilisation: Soll dem menschlichen Leben ein Maximum an Wohlstand, Annehmlichkeit und Spaß abgewonnen werden, oder wird das Leben als (ethische) Herausforderung angesehen, die es zu bestehen gilt?

Freiwilliger Verzicht ist beinahe schon ein Akt zivilen Ungehorsams in einer pathologisch wachstumssüchtigen Gesellschaft. Wer sich zu einem solchen Schritt entschließt, verpflichtet sich keineswegs, in säuerlichem Masochismus zu versinken. Vielleicht entgeht ihm der ein oder andere Spaß im Leben; das aber wird seine Freude darüber nicht trüben, daß er einen nennenswerten Preis für die Zukunft unserer Nachkommen zahlt. autofrei leben! will den Besitz des Autos keineswegs zur absoluten Glaubens- oder Bekenntnisfrage erheben oder gar als Ursache allen Übels identifizieren und brandmarken. Wohl aber gibt die Frage des Privatautos beinahe jedem Erwachsenen in unserem Land die Möglichkeit, sein Nicht-Einverständnis mit der Entwicklung unserer Zivilisation klar zu signalisieren.