PARK statt Parkplatz!

Menschen erobern die Stadt zurück von den Autos

Grüner Teppich als Rasen, Stühle zum Ausruhen, grüne Pflanzen und Platz zum Spielen. Mit wenigen Handgriffen wird ein Auto-Parkplatz in der Kreuzberger Oranienstraße in einen PARK für Menschen verwandelt. Klappstühle, Bistrotisch, Kaffee oder Tee und Kekse laden zum Verweilen ein.

Mit Parkscheibe ist eine Stunde Parken erlaubt. Der erste PARKwätcher hängt sich die Park­scheibe um, stellt seine An­kunftszeit ein und macht es sich gemüt­lich. So wie in Berlin-Kreuzberg haben Menschen weltweit am 16. September ein Stück Stadt von den Autos zu­rückerobert. In Deutschland gab es weitere PARKs in München organisiert von GreenCity und in Leipzig (Ökolöwe). 2010 gab es weltweit 850 PARKs auf sechs Kontinenten – mit den Schwer­punkten Nordamerika und Westeuropa.

Der PARK(ing) Day wurde 2005 von dem Künstlerkollektiv REBAR aus San Francisco ins Le­ben gerufen. Er ist ein weltweites jährlich stattfindendes Kunstprojekt, das alle Bürger ein­lädt, Parkplätze kreativ in öffentliche PARKs zu verwandeln.

In den großen Städten dieser Welt ist Platz ein knappes Gut. Davon ist der Großteil dem pri­vaten Auto als Stellplatz gewidmet, während nur ein Bruchteil als öffentlicher Raum zur Ver­fügung steht. "Die Gebühr für einen Parkplatz ist eine sehr billige Kurzzeitmiete für ein wert­volles Stück öffentliches Land. Welche kreativen Nutzungsmöglichkeiten gibt es für diesen öffentlichen Raum, der nor­malerweise für die Aufbewahrung eines privaten Fahrzeuges ge­nutzt wird?" be­schreibt Rebar im Handbuch für den PARK(ing)DAY [Manual, S. 1] die Idee für das Projekt.

Diese Wiederaneignung öffentlichen Raums wird nicht als Protest, sondern als legitime Nut­zung und Aufwertung angesehen. "Remember, you are not protesting — you’re using your public space to improve the quality of life for people!" [Manual, S. 11] Der Reiz des PARK(ing)Day liegt darin, allgemein anerkannte Regeln auf den Kopf zu stellen und sie so zu hinterfragen. Deshalb sehen wir uns als berechtigt an, einen Parkplatz als PARK zu nutzen. Wir halten einen Parkplatz nicht frei, sondern nutzen den öffentlichen Raum um. Der PARK(ing)Day ist eine spontane Kunstaktion, bei der man wie ein parkendes Auto Parkge­bühren bezahlt oder eine Parkscheibe hat. So erwirbt man die Berechtigung zur Nutzung des öffentlichen Raums.

Während diese Ansicht in Berlin problemlos durchgehalten werden kann, ist es zum Beispiel in München mit der Freiheit der Kunst etwas anders bestellt. Sobald mehr als drei Personen eine Aufmerksamkeit erregende Aktion durchführen kommt in kürzester Zeit die Polizei und möchte Papiere sehen. Ohne Anmeldung ging es auch in Leipzig nicht: Es wurde geraten eine Sondernutzung zu beantragen und ggf. kurzfristig eine Spontandemo anzumelden.

Für das Publikum – also die normalen Verkehrsteilnehmer – ist die Frage der Anmeldung wahrscheinlich sehr unerheblich, denn es geht um die Wirkung eines umgestalteten Parkplatz'. Andererseits zeigt sie die Macht des Automobils, das sich breit machen und zu Tau senden ohne Konsequenzen versammeln kann, während Menschen für den Aufenthalt au­ßerhalb der ihnen zugewiesenen Flächen eine Genehmigung benötigen.

Die Reaktionen auf unseren PARK in Kreuzberg waren sehr positiv. Niemand beschwerte sich, dass wir einem Auto den Platz wegnähmen. Zwei spanische Touristen waren schwer begeistert, vertieften sich lange in die ausliegenden Bücher und klingelten an fremden Tü­ren, um den PARK von oben fotografieren zu können. Schön war, dass Bekannte und Sym­pathisanten auf eine Tasse Kaffee mit einem Parkplätzchen vorbeischauten.

Der PARK(ing)DAY ist ein leicht umzusetzendes Aktionsformat, das den Platzverbrauch durch den MIV gut visualisiert und ihm positive Akzente entgegensetzt. Da die künstlerische Umgestaltung im Vordergrund steht, kommt man mit Passanten besser ins Gespräch als an einem normalen Infostand. Schließlich wirft das ungewohnte Bild Fragen auf und löst – so hoffe ich – positive Emotionen aus.

Heiko Bruns; 18.10.2011

Literatur:

The PARK(ing)DAY Manual, San Francisco 2011
http://parkingday.org/wp-content/uploads/2011/09/Parking_Day_Manual_Consecutive1.pdf

The PARK(ing)DAY Maninfesto, San Francisco 2011
http://rebargroup.org/src/Parking_Day_Manifesto_Consecutive.pdf


Links:

www.parkingday.org

www.parking-day-leipzig.de

www.greencity.de/themen/stadtgestaltung/parking-day/