Robert Steinmetz (Regionalvertreter afl für Schleswig Holstein)

Ich bin in Bremerhaven aufgewachsen, habe in Oldenburg Biochemie studiert und lebe seit 13 Jahren in Lübeck; hier arbeite ich in einer Lebensmittelfirma als Sensoriker an der Entwicklung von Verkostungsmethoden für verschiedene Lebensmittel.
Ich bin verheiratet und habe zwei entzückende Töchter im Alter von 3 Jahren und 3 Monaten. Meine Frau ist Ärztin an der Universitätsklinik Lübeck. Das heißt, wir haben Geld wie Heu und dazu besteht die zwingende Notwendigkeit, neben zwei VW-Golfs für die Arbeit auch einen 7-sitzigen Van für die Freizeit (Kinder, Stofftiere, Schlauchboot etc.) zu besitzen. Haben wir aber nicht, und es bereitet mir Spaß, auf die erstaunte Frage „… kein Auto…?“, je nach Stimmungslage zu antworten, „…das können wir uns nicht leisten …“ oder „…das überlassen wir den Primitiven …. !“ Wir würden unser Geld lieber in eine Jugendstil-Villa mit großem Garten und alten Baumbestand investieren, aber Lübeck ist - unverständlicherweise – ein teures Pflaster, und die einzigen, leidlich bezahlbaren Villen liegen an den vom Autoterror unbewohnbar gemachten Straßen.
Ich habe immer wieder Anlässe, mich über den Automobilismus zu ärgern: ein lobender Testbericht über einen 400 PS-Porsche in der Lübecker Zeitung, „Fahrspaß mit Suchtgefahr“ (allein die Spezial-Keramikbremse kostet lockere 7500 Euro). Dann die Gemeindedirektoren, die den Bau neuer Parkplätze oder Umgehungsstraßen begrüßen, die Hochzeits-Veranstalter , die darauf hinweisen, genug Schleifen für die Autoantennen zu kaufen, die Kollegen in der Firma, 20 Jahre jünger als ich, und sie feiern den Kauf der 3. oder 4. Blechtonne mit Sekt im Büro. Null Kritik, wohin man schaut. Fragt keiner, ob der Kollege mit dem neuen Auto weniger lange an einer roten Ampel warten muss? Vielleicht ist er ja gehbehindert? Sind das alles simple, von der Werbung ferngesteuerte Figuren oder sind die einfach erschreckend dumm und faul?
Der Treibhauseffekt fällt drastischer aus als erwartet und trotzdem sieht man immer mehr monströse CO2-produzierende Geländewagen über die Straßen schaukeln. Es werden mehr Autos verkauft als Kinder geboren, es gibt mehr ADAC-Mitglieder als Kinder, es gibt mehr Verkehrs- und Parkraum als Wohnraum. Mit Volldampf geht’s in die Auto fahrende Rentnerrepublik D.
Diese kranken Strukturen kann eigentlich kein normal empfindender Mensch ertragen und tolerieren, die muss man bekämpfen, wo es nur geht.
Die Ursache meiner Autokritik? Auch ich habe mit 18 wie ferngesteuert die Führerscheine Klasse 1 und 3 gemacht, das taten ja alle, und wenn einer durch die Prüfung gefallen ist, war das schlimmer als ein verpatztes Abitur. Ich habe auch ein Motorrad gefahren, aber es waren nur sinnlose Touren ohne Ziel, einfach nur rumfahren, damit die Reifen sich drehen, und ich war dankbar, wenn ich jemanden irgendwohin fahren durfte.
Ein Auto habe ich nie gehabt, denn obwohl ich kein Autokritiker war, konnte ich es einfach nicht gebrauchen, wie ja kaum einer ein Auto braucht. Ich bin aber gerne mit anderen Autos gefahren, wenn ich zu Weihnachten oder sonstigen Feiertagen die Verwandten einsammeln durfte. Ich  habe mich natürlich geärgert, wenn ich im Stau stand oder keinen Parkplatz bekam, und dachte dann "Herrgottnochmal, warum müssen die alle heute fahren!"
Man braucht nur ein bisschen Verantwortungsgefühl, soziale Intelligenz und die Fähigkeit, über Beruf, Familie und den üblichen Konsumzwang hinauszuschauen, dann kommt man zur Erkenntnis, daß diese umweltverpestende Blech-auf-Gummi-Technik mit eingebauter Vorfahrt ein völliger Irrsinn ist, den man schnellstens wieder abschaffen muss.
Seit einigen Jahren sind mir die Auswüchse des Automobilismus immer deutlicher geworden: Fernsehberichte über Staus, die sich nicht mehr nur 10 km-weit, sondern durch ganze Bundesländer ziehen, überall rumstehende Autos in allen Straßen, selbst in der kleinsten Altstadtgasse lackiertes Blech, sauhäßlich anzuschauen wie Gelbe Müllsäcke, die nie abgeholt werden. Und obwohl das Blech anscheinend dauernd parkt, ist noch genug davon vorhanden, um sich lärmend und stinkend im Schritttempo als endloser Blechwurm durch den öffentlichen Raum zu wälzen. Dazu Tankerunfälle, Waldsterben, legalisiertes Totschlagen, die fortschreitende Einschränkung meines Lebensraumes und neuerdings ständig Angst um meine Kinder, nur weil sie draußen sein wollen.
Diese Tatsachen müßten doch alle, die den Terror nicht mehr ertragen wollen, bewaffnet auf die Barrikaden treiben. Tun sie aber nicht, die Autofahrer fahren weiter, die Betroffenen schweigen und verschanzen sich hinter Panzerglas und Schallschutzwänden und machen nur den Mund auf, wenn sie Umgehungsstraßen fordern. Mein Antrieb, mich bei autofrei leben! e.V.  zu engagieren, ist der Hass und die Verachtung für das System des Automobilismus, für die verantwortlichen Politiker, Industriellen und ihre alltäglichen Gehilfen, wie Fahrschullehrer und -schüler, Zeitungsreporter, Autoverkäufer etcpepe.
Ich  werde nicht widerstandslos zulassen, dass diese Menschen meine Umwelt zerstören. Meine Möglichkeiten sind leider von der Justiz sehr begrenzt, denn das Land gehört per Gesetz den Autofahrern. Sie dürfen wertvolle Rohstoffe verbrauchen, mich mit einem Giftgasgemisch vergasen und permanent bedrohen.
Dazu ist das Autofahren ein sehr emotionales Thema; mit Argumenten über das Waldsterben oder Unfalltoten kommt man nicht weit. Dazu sind Egoismus und infantiles Denken der Autofahrer zu ausgeprägt.
Ich habe bisher noch keinen einzigen Erfolg gehabt. Wegen meines Engagements gibt es kein einziges Auto weniger. Was ist also mein Widerstand? Meine Leserbriefe und Infostände bestimmt nicht. Es ist eher der innere Widerstand, denn ich weigere mich, ein Auto zu kaufen. Dadurch leiste ich einen sehr hohen Beitrag zum Schutz der Umwelt.
In einer Welt der permanenten Gewalt auf den Straßen, wo Argumente nicht weiter helfen, und freiwillige oder verordnete Einschränkungen als Angriff auf die Demokratie verstanden werden, müssen neben Infoständen, Presseberichten und Demonstrationen wie „Critical Mass“ auch andere Maßnahmen erfolgen. Welche das sind, muss jeder für sich entscheiden.